Klimapioniere: Lernmodul für pragmatische Stadtklima-Sofortmassnahmen
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- Project Idea Name: Klimapioniere: Lernmodul für pragmatische Stadtklima-Sofortmassnahmen
- Date: 9/8/2024 2:50:23 PM
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Project Idea Description
Welches Problem möchtet ihr lösen? Welche systemischen Problemhypothesen sind Ausgangspunkt für die Idee?
Mit dem Voranschreiten der Klimakrise geraten dicht bebaute urbane Räume zunehmend unter Hitzestress. Der urbane Hitzeinseleffekt führt zu erheblichen Gesundheitsrisiken, insbesondere in stark versiegelten Stadtgebieten mit wenigen Grünflächen, in denen sich häufig auch die Haushalte mit den geringsten Einkommen befinden. Gerade in diesen Quartieren steigt der Nutzungsdruck auf Grünflächen, denn sie versprechen Erholung und Kühlung und dienen als zentrale Aufenthalts- und Begegnungsorte. Genauso fehlen wertvolle Biodiversitätsflächen und -korridore, was unter anderem das Insektensterben weiter befeuert und die Funktionsfähigkeit der Ökosysteme gefährdet.
Die Aufgabe der Klimaanpassung stellt viele Gemeinden und Stadtverwaltungen vor enorme Herausforderungen. In bisherigen Infrastrukturplanungen wurde die Chance verpasst, Platz für Grünraum und Versickerungsflächen zu schaffen. Die Entsiegelung steht häufig im Konflikt mit Infrastrukturen der Ver- und Entsorgung der Stadt und ist mit grossen Aufwänden und Kosten verbunden.
Deshalb ist es entscheidend, rasch und pragmatisch Lösungen zur Klimaanpassung zu finden, die pflegeextensiv und ohne grossen Planungsvorlauf auch auf schwer zu entsiegelnden Flächen realisiert werden können. Die Klimapioniere schaffen Biodiversitäts- und Retentionsflächen und können den Hitzeinseleffekt nachweislich reduzieren. Zugleich fördern sie die Artenvielfalt und werden zum kühlenden Erholungs- und Begegnungsraum für die Stadtbewohner:innen. Damit leisten sie einen Beitrag zu lebenswerten Städten in einer heisseren Zukunft.
Wie trägt die Idee zur Lösung des Problems bei?
Die von B/IAS entwickelten Klimapioniere, allen voran die „Hygroskin“ können als autarke und skalierbare Schwammstadtmodulee bei nicht entsiegelbaren Flächen zum Einsatz kommen und erzielen nachweislich einen hohen Kühlungseffekt. Der Aufbau kann vom Untergrund wieder rückstandslos entfernt werden. Damit kann die Hygroskin mit geringen baulichen Massnahmen und flexibel in der Form versiegelte Flächen zu attraktiven und biodiversen Freiräumen aufwerten. Dazu gehören Parkplatzflächen, unterkellerte Flächen (z.B. über Einstellhallen) bis zu von Altlasten belastete Untergründe.
Die von B/IAS entwickelten Klimapioniere wie die Hygroskin erzeugen einen deutlich messbaren Kühlungseffekt und können in kurzer Zeit die Biodiversität steigern. Die verwendeten Materialien sind recycelt oder recycelbar und sind damit Teil der Kreislaufwirtschaft. Gleichzeitig ist die Erstellung in ihren Abläufen bereits auf die Zusammenarbeit mit Tiefbauämtern und Stadtgärtnereien angepasst, ohne aufwendige Bewilligungsprozesse umsetzbar und erfordert im Unterhalt nur extensive Pflege.
Wer wird von der Lösung profitieren und wie?
Die Klimapioniere sind einfach in der Planung und Erstellung und eignen sich für temporäre wie auch langfristige Nutzungen. Deshalb sind sie eine attraktive Lösung für Gemeinden, welche rasch Klimaanpassungsmassnahmen einsetzen wollen oder eine Übergangslösung suchen, bis grossmassstäbliche Stadtklimakonzepte umsetzungsbereit sind. Auch private und zivilgesellschaftliche Eigentümerschaften mit kleinem Budget können dank der Klimapioniere ohne grosse Bewilligungshürden wertvolle Grünflächen schaffen.
Mittels des Lernmoduls, welches dank des Innovation Boosters umgesetzt werden soll, wird das Wissen zur Einsetzung, Konstruktion und Pflege der Klimapioniere zugänglich gemacht und der kollektiven Aneignung und Weiterentwicklung zur Verfügung gestellt. Damit sollen Verwaltungen, Tiefbauämter, Gärtnereien oder zivilgesellschaftliche Organisationen als Multiplikator:innen dazu ermächtigt werden, die Klimapioniere in Eigenregie umzusetzen und die stadtklimatische Wirksamkeit gemeinwohlorientiert im fortlaufenden Wissenstransfer zu verbreiten.
Wie trägt die Idee zum Ziel der Klimagerechtigkeit bei?
Der urbane Hitzeinseleffekt betrifft überproportional Quartiere mit tieferen Einkommen und kann starke Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben. Das Wachstum und die Verdichtung der Städte sowie die Mediterranisierung der Freiräume betonen den Handlungsbedarf weiter. Der Nutzungsdruck auf Grünflächen steigt, gleichzeitig erfordert die Biodiversitätskrise mehr extensiv genutzte artenreiche Flächen. Die Klimapioniere schaffen Zusammenlebensstrukturen, wo im Sinne der Co-Habitation nach Donna Haraway Menschen, Tiere und Pflanzen gemeinsam Lebensraum nutzen und co-gestalten. Sie können in einer Art Public-Civic-Climate-Partnership betrieben werden, bei der Eigentümerschaften, Stadtverwaltungen und zivilgesellschaftliche Partner gemeinsam Verantwortung für ein verbessertes Stadtklima übernehmen. Der extensive Pflegebedarf der Klimapioniere ermöglicht eine niederschwellige Einbindung der Nutzer:innen als Profiteure zu Pfleger:innen als aktiv beteiligte Macher:innen des neu begrünten Freiraums.
B/IAS will die Klimapioniere gemeinwohlorientiert als creative commons Gemeindeverwaltungen, Eigentümerschaften und zivilgesellschaftlichen Akteur:innen zur Verfügung stellen. Das gewonnene Wissen und die Erkenntnisse aus den Prototypen sollen in Lernmodulen zugänglich gemacht werden und damit das Mainstreaming der Stadtklimamodule zur Aneignung und Weiterentwicklung ermöglichen.
Welche Personen/Organisationen gibt es in Eurem Team und was ist ihre Rolle?
Klimapioniere ist ein Projekt des Basel Instituts für angewandte Stadtforschung B/IAS. Bereits in der Projektentwicklung wurde eng mit wissenschaftlichen Partner:innen aus den Feldern Biologie, Forstwirtschaft, Ökologie und Ornithologie zusammengearbeitet. In der Mainstreaming-Phase sollen die Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt am Dreispitz gemeinsam mit den wissenschaftlichen Partner:innen dokumentiert und zur Entwicklung entsprechender Lernmodule auf verschiedene Einsatzmöglichkeiten und -szenarien übersetzt werden.
Vedrana Zalac, B/IAS, dipl.ing. Landschaftsarchitektin
Ben Pohl, B/IAS, Stadtforschung, M.Sc. Urban Design
Robin Kirsch, B/IAS, M.A. Integrative Gestaltung
Jan Nemeth, B/IAS, M.A. Integrative Gestaltung
Fina Girard, Denkstatt, Projektmitarbeit
Jascha van Gogh, Oekoskop & Verein Dachbegrünung, Umweltingenieur, wissenschaftliche Begleitung
Meret Halter, Pro Natura, M.Sc. Biologin, wissenschaftliche Begleitung
Tabea Michaelis, HSLU Institut für Architektur, Co-Leiterin Studiengang Kollaborative Raumentwicklung, wissenschaftliche Begleitung
Amelie Meyer, HSLU Institut für Architektur, Co-Leiterin Studiengang Kollaborative Raumentwicklung, wissenschaftliche Begleitung
Wurde die Idee (in Varianten) bereits getestet? Wenn ja, mit welchen Erkenntnissen?
Die vier Prototypen der Klimapioniere werden aktuell auf einem stillgelegten Gleisfeld, dem sogenannten «Gleisbogen», im Basler Dreispitzareal getestet. Der Dreispitz befindet sich in der Transformation vom Gewerbeareal mit hohem Versiegelungsgrad zum vielfältig genutzten Stadtquartier. Von den Pioniernutzer:innen vor Ort wird immer wieder das Bedürfnis nach Grünraum und Wasser laut – zugleich ist das Gleisfeld ein wichtiges Trockenbiotop und Bindeglied für ökologische Vernetzung der Grünzüge zwischen Bruderholz und Meriangärten.
Das Projekt Klimapioniere nutzt die Synergien und Nutzungsanforderungen auf dem Gleisbogen Dreispitz als Testumgebung und entwickelt seit 2022 die ersten 4 Prototypen entlang der ehemaligen Gleisfelder. Aktuell sind drei weitere Standorte in den Städten Basel, Baden und Luzern in Planung.
Getestet werden vor allem drei Punkte:
A) Steigerung der ökologischen Qualität, Förderung der Biodiversität.
B) Dezentrale Speicherung von Dachwasser zur Bewässerung und Abkühlung von Hitzeinseln.
C) Steigerung der Aufenthaltsqualität für Freiraumnutzungen.
Das Projekt umfasst folgende Klimapioniere:
- Insektenkiosk: autarke Pflanzinsel mit robusten Ganzjahresangeboten für Insekten als Trittsteine der Grünvernetzung zur Verbesserung der Biodiversität und der Aufenthaltsqualität für Menschen.
- Lebendige Schattenlaube:schafftSchatten ohne grosskronige Bäume durch eine robuste Rankstruktur aus wiederverwendbaren Materialien, begrünt mit verschiedenen tiefwurzelnden Rankpflanzen
- Hygroskin: temporäre Entsiegelung durch eine wasserspeichernde und bepflanzte Schicht mit hohem Grad an autarker Wasserversorgung durch Regeneintrag zur Abkühlung von Hitzeinseln und Steigerung von Biodiversität und Nutzungsqualität
- Urbane Savanne: Erhalt und Optimierung von bestehenden Qualitäten und der Biodiversität von Trockenbiotopen auf Brachfeldern und Gleisinfrastrukturen
Die Prototypen wurden modular entwickelt und können je nach Bedürfnissen, Untergrund und klimatischen Voraussetzungen individuell zusammengestellt werden.
Die baulichen Massnahmen für die Hygroskin können je nach Aufbau und verwendeten Materialien nach aktueller Bilanzrechnung CO2-neutral bis CO2-positiv sein. Randsteine, Asphaltkante, Hanfwalze oder Holzbohlen bilden ein frei formbares Retentionsbecken auf der versiegelten Fläche. Je nach Aufbau und Nutzung eignen sich unterschiedliche wasserhaltende Materialien und je nach Lage, Nutzung und Aufbau verschiedene Bepflanzungen, z.B. Stauden, ökologisch wertvolle Rollwiesen oder Sträucher.
Woran möchtet ihr während des Boosters arbeiten? Was werdet ihr am Ende des Boosters liefern?
Ziel für die Skalierung und das Mainstreaming ist es, nicht ein Produkt oder eine spezifische Planungsleistung durch B/IAS selbst zu erbringen, sondern ein Netzwerk des Wissens aufzubauen. Um diese Aufbauarbeit und die aktive Weiterentwicklung und Verbreitung ökonomisch kostenneutral zu gewährleisten, zielt unser Projekt auf ein zertifiziertes Kursangebot ab. Dabei soll besonders Wert auf die modulare Aubauweise, die Skalierbarkeit, Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Betreibungsoptionen gelegt werden. Vom Lernmodul profitieren sollen Tiefbauämter, Stadtgärtnereien, Gartenbauunternehmen und zivilgesellschaftlichen Akteur:innen, auch Partnerschaften mit Wissenschaft, Hochschulen, Verbänden wie ZHAW, HSLU, FHNW oder ZORA könnten zielführend sein.
Zur erfolgreichen Entwicklung der Lernmodule gehört die Evaluation, Dokumentation und Auswertung der Datengrundlagen aus den Prototypen, welche in wissenschaftlicher Begleitung erfolgen soll. Das Schulungsmodell soll kostendeckend ohne Profit durchführbar sein und an unterschiedliche Zielgruppen anpassbar sein. Daraus soll ein Netzwerk aus städtischen, privaten und zivilgesellschaftlichen Wissensträger:innen entstehen, die eigenständig und selbstwirksam Einsatzmöglichkeiten und Betrieb von Klimapionieren in Städten, Gemeinden und Arealen weiterentwickeln und vorantreiben.
Das Lernmodul soll aus folgenden fünf Inhalten bestehen:
- Planungsrechtliche Grundlagen, Administration (Vedrana Zalac)
- Klimagerechtigkeit und soziale Aspekte der Freiraumgestaltung (Ben Pohl)
- Schwammstadt: Wasser und Verdunstung (Jascha van Gogh)
- Biodiversität: Bepflanzung und Pflege (Meret Halter)
- Praxis: Materialität und technischer Aufbau (Robin Kirsch)
Was erhofft ihr Euch von dem Booster?
Wir erhoffen uns weitere Vernetzung im inter- und transdisziplinären Umfeld der Stadt-, Quartier- und Arealentwicklung im Bezug auf Klimaanpassungs-Massnahmen und nachhaltige Klimastrategien in der Schweiz und darüber hinaus. Zudem erhoffen wir uns Unterstützung in der Kommunikation unseres Projekts über unser eigenes Netzwerk hinaus, sodass neue Synergien und Zusammenarbeiten entstehen können.
Wir hoffen, mittels des Innovation Boosters die nächste Stufe zu erklimmen und vom Prototypen in die Breite zu kommen. Zentral dafür ist die Finanzierung des gemeinwohlorientierten Wissenstransfers. Dabei sind wir auch an der Bildung neuer langfristigen Förder- und Fortschungspartnerschaften interessiert.
Wen brauchst du als Expert:in, um die Idee weiter voranzutreiben?
Wir verfügen bereits über ein Netzwerk von Fachexpertisen aus Biologie und Ökologie, sind aber weiterhin daran interessiert, mit Fachpersonen aus dem Bereich der Stadtklimamassnahmen in einen Austausch und eine fruchtbare Zusammenarbeit zu treten. Dabei interessieren uns besonders die Fachbereiche Ökologie, Biodiversitätsmassnahmen und Wassermanagement. Um die Klimaneutralität der Klimapioniere weiter zu optimieren, könnten wir stark von Wissen im Breiech der Kreislaufwirtschaft, Materialwissenschaften, Life-Cycle etc. profitieren. In unserer Organisationsentwicklung als nicht-profitorientierter Verein erhoffen wir uns Unterstützung im Bereich des erfolgreichen Mainstreamings, zum Beispiel mittels eines Non-Profit-Business-Coachs.
Wie viel Budget fordert ihr von uns für was?
4 000 Expert:innen-Gutscheine
3500 Evaluation der bisherigen Erkenntnisse
7500 Entwicklung Modulinhalte
7500 Erstellen von Kursmaterial
1500 Aufbau einer Netzwerkplattform und Kommunikation (Newsletter, Website)
1000 Koordination
B/IAS entwickelt günstige, pragmatische und skalierbare Sofortmassnahmen zur Verbesserung des Stadtklimas. Vier modulare «Klimapioniere» tragen zur Kühlung, Retentionsfähigkeit und Biodiversität von urbanen Räumen bei. Ihr Anwendungspotenzial liegt in dichten und versiegelten Quartieren und Arealen. Dort können sie die Aufenthaltsqualität von Freiräumen verbessern und das menschliche Wohlbefinden steigern. Nun sollen Wissen und Erfahrungen aus der Pilotphase gemeinwohlorientiert verfügbar gemacht werden.