Selbsterntegärten für Firmen, Quartiere und Genossenschaften in Städten
Project Idea Metadata
- Project Idea Name: Selbsterntegärten für Firmen, Quartiere und Genossenschaften in Städten
- Date: 5/16/2025 8:43:41 AM
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Project Idea Description
In Selbsterntegärten wird saisonales Biogemüse von einem:r bezahlten Gartenbetreiber:in mit fachlicher Unterstützung des Vereins selbsterntegarten.ch angebaut. Der Verein übernimmt die Anbauplanung und die fachliche Begleitung während der Vegetationsperiode. Von März bis Oktober erfolgt alle zwei Wochen ein Besuch, durch eine feste Ansprechperson des Vereins, die Setzlinge und Saatgut bereitstellt und Anweisungen zur Pflege und Ernte gibt. Die Gartenbetreiber:innen kommunizieren über einen Chat mit ihrer Erntegemeinschaft, um Informationen über die verfügbaren Erntegüter zu teilen. Zudem sind sie verantwortlich für die Rechnungsstellung an die Ernter:innen. Die Mengen der Ernte sind nicht vorgegeben; stattdessen werden unterschiedliche Abos angeboten, die sich nach der Haushaltsgrösse richten.
Mit dem Projekt sollen die Grundlagen erarbeitet werden, um Selbsterntegärten auch in Städte zu bringen. Dass ein Interesse an Selbsterntegärten auch in Städten besteht, haben zahlreiche Anfragen gezeigt.
Welches grundlegende Problem adressiert ihr?
Das aktuelle Landwirtschafts- und Ernährungssystem ist nicht nachhaltig und trägt weltweit und auch in der Schweiz zu diversen Krisen bei (Biodiversitäts- und Bodenverlust, Klimawandel, Mangel und Fehlernährung, etc.). Ein grundlegendes Problem ist die Entfremdung vieler Menschen von der Natur; vor allem in den Städten sind bei vielen Bewohner:innen der direkte Bezug zur Natur sowie das Wissen über die Zusammenhänge, die für die Sicherung unserer Ernährung essentiell sind, weitgehend verloren gegangen. Durch die ständige, breite Verfügbarkeit von Lebensmitteln in den Supermärkten, die zahlreichen Ansprüchen genügen müssen (einfache, kostensparende Logistik, Verarbeitung oder Konsumation, makelloses Aussehen, Transportfähigkeit, Haltbarkeit etc.), wissen viele Menschen nicht mehr, wie und wie vielfältig Karotten und andere Gemüse wachsen, wie viel Aufwand notwendig ist, bis sie im Laden verfügbar sind, wann sie Saison haben, und welche Gemüse in der eigenen Region wachsen können. Mit diesem Wissens- & Bezugsverlust einher gehen eine mangelnde Wertschätzung für die Herstellung unserer Nahrungsmittel, Food-Waste und weitere Probleme.
Welche systemischen Problemhypothesen sind Ausgangspunkt für Euren Mainstreaming-Ansatz?
Ausgangspunkt für den Ansatz des Projekt ist die Problemhypothese, dass die Entfremdung von der Natur und der mangelnde Bezug zum Anbau unserer Nahrung zu zahlreichen ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen und auch psychologischen Problemen führt. Das heisst im Umkehrschluss, dass Menschen, die einen Bezug zur Natur haben und wissen, dass sie von ihr abhängig sind, ihr Verhalten ändern, um der Natur als unserer Lebensgrundlage weniger Schaden zuzufügen. Durch die Selbsternte werden zahlreiche Bewusstseinsveränderungen angestossen und eine nachhaltige Ernährung gefördert. Es entsteht ein lebensnaher Bezug zum Anbau von Lebensmitteln, die Konsument:innen lernen, welche Schwierigkeiten im Gemüseanbau das Wetter oder Schädlinge herbeiführen können, welches Gemüse Saison hat, dass nicht alle Kohlrabi gleich gross sind und nicht alle Gurken die gleiche Form haben. Nach zwei Jahren Selbsternte und Ernährungsumstellung beginnen die Konsument:innen wieder saisonal zu denken und zu essen. Zudem konnten wir beobachten, wie der direkte Kontakt mit der Natur im Garten zum Wohlbefinden der Teilnehmenden beiträgt und wie auch soziale Aspekte bewusster wahrgenommen werden.
Gerade in den Städten ist das Potenzial für Selbsterntegärten gross: zahlreiche Anfragen an selbsterntegarten.ch von Stadtbewohner:innen haben gezeigt, dass eine Nachfrage besteht; Flächen für die Umsetzung sind auf Firmengeländen und im öffentlichen Raum zu finden. Das notwendige Wissen und die Erfahrung, um das Konzept für Firmen, Institutionen und weitere städtische Akteure anzubieten, konnte mit den bisher umgesetzten Pilotprojekten in den ländlichen Gebieten erarbeitet werden. Die Pilotprojekte haben gezeigt, dass das Konzept funktioniert. Um das Potenzial wahrzunehmen und die Selbsterntegärten in städtischen Gebieten zu verbreiten und zu etablieren, braucht es nun Ressourcen, Kontakte und ein Mainstreaming-Konzept.
Soziale Innovation bedeutet für uns der Versuch alltägliche Gewohnheiten, die von vielen Menschen in einer Gesellschaft geteilt werden, zu verändern oder neu zu gestalten (z.B. unsere gewohnte Arten und Weisen zu reisen, zu wohnen, uns zu ernähren etc.).
Welche Gewohnheiten möchtet Ihr durch welchen Ansatz wie verändern oder mainstreamen?
Wir möchten den alltäglichen Umgang mit Lebensmitteln verändern – hin zu mehr Bewusstsein, Saisonalität, Regionalität und sozialem Miteinander. Unser Ansatz dafür sind Selbsterntegärten.
Durch das eigene Ernten entsteht ein ganz neues Verhältnis zu Lebensmitteln. Wer Woche für Woche aufs Feld kommt, sieht, wie aus kleinen Setzlingen etwa ein Fenchel heranwächst; wer ihn selbst erntet und später auf dem Teller hat, entwickelt ein tiefes Verständnis für den Wert von Nahrung. Man beginnt, Herkunft, Saison und den Aufwand hinter dem Anbau zu schätzen – Lebensmittel werden nicht länger als selbstverständlich wahrgenommen.
Diese Erfahrung verändert die Essgewohnheiten nachhaltig. Nach zwei Jahren konsequenter Selbsternte greift man im Winter nicht mehr unbedacht zu Tomaten und Gurken – weil man spürt, was Saisonalität bedeutet.
Unser Ziel ist es, dieses bewusste Erleben von Ernährung in den Alltag zu integrieren – so selbstverständlich wie Zähneputzen. Selbsternte soll kein Zusatzangebot sein, sondern ein Teil des täglichen Lebens: Zum Beispiel, indem man nach Feierabend das Abendessen pflückt – ein kurzer Moment, der Erdung bringt, entspannt und die Verbindung zur Natur stärkt.
Darüber hinaus schaffen die Gärten einen sozialen Raum. Im Garten sind alle gleich – ob Managerin oder Coiffeur, ob jung oder alt, ob politisch links oder rechts. Man teilt Gemüse und Rücksicht: Die grossen Kohlrabis gehen an Grossfamilien, die kleineren an ältere Menschen, die sich über handlichere Portionen freuen. Dieser Austausch fördert Solidarität und Verständnis zwischen Generationen und Lebensrealitäten.
Selbsterntegärten bringen nicht nur frisches, regionales Gemüse direkt vor die Haustür (oft nur wenige hundert Meter entfernt) – sie machen Ernährung wieder zu einem persönlichen, gemeinschaftlichen und achtsamen Erlebnis. So kann eine neue Alltagskultur entstehen: gesünder, solidarischer, nachhaltiger – und ganz selbstverständlich Teil unseres Lebens.
Wer wird vom Mainstreamen profitieren und wie?
Durch die Grundlagen, die im UFS-Booster Projekt erarbeitet werden, kann das Konzept an vielen weiteren Orten umgesetzt werden - Wissen, Materialien, Kontakte stehen zur Verfügung dafür.
Dadurch wird das Mainstreamen für zahlreiche Städter:innen ermöglicht. Denn pro Garten ernten 70-80 Personen mit!
Firmen, Wohnüberbauungen und andere können ihre Attraktivität erhöhen, indem sie ihren Mitarbeitenden bzw. Mieter:innen ein Selbsternte-Abo zur Verfügung stellen; Kantone und Gemeinden können als Vorbild vorangehen und auf ungenutzten Grünflächen Selbsterntegärten bereitstellen für ihre Angestellten oder die Einwohner:innen.
Zudem wirkt ein Selbsterntegarten inspirierend: Passant:innen sehen was wächst.. Schulen werden den Selbsterntegarten besuchen...
Welche Personen/Organisationen gibt es in Eurem Team und was ist ihre Rolle?
- Olivia Stafflage (Selbsterntegarten): Initiantin Selbsterntegarten.ch und Praxisexpertin zur Umsetzung von Selbsterntegärten, Bindeglied Wissenschaft & Praxis
- Giulia Satiro / Flurina Doppler (Agroecology Works!): Projektkoordination, Vernetzung mit Expert:innen und Umsetzungspartner:innen, Bekanntmachung
- Selina Lucarelli (HAFL, Gruppe Agrarökologie): Wissenschaftliche Mitarbeiterin, gut vernetzt insbesondere in Bern zu Ernährungsthemen (Foodcoops für Alle, Permakultur-Landwirtschaft, OGG, Weltacker Bern, Palette Unverpackt)
- Mila Lager (HAFL, Gruppe Agrarökologie): Begleitende Expertin
Wurde die Idee (in Varianten) bereits getestet? Wenn ja, mit welchen Erkenntnissen?
Ja, es gibt schon 10 solche Selbsterntegärten als Pilotprojekte in ländlichen Gebieten.
Erkenntnisse vom Verein Selbsterntegarten welcher alle Pilotprojekte betreut und Richtlinien vorgibt:
- Die Gärten funktionieren mit einer Grösse von 600m2 bis 1000m2 , mit rund 20 Abonnenten. Das ist eine übersichtliche Grösse, wir denken nicht, dass es sinnvoll ist, diese zu vergrössern, sondern lieber einen zweiten in der Nähe zu eröffnen.
- Die Gärten sollten möglichst nah an Wohngebieten oder dem Arbeitsort sein.
- Eine klar strukturierte und enge Betreuung der Gartenbetreiber:innen ist wichtig
- Es ist wichtig dass eine Garten Betreiber:in beständig bleibt (mehrere Jahre)
Erkenntnisse von Gartenbetreiber:innen:
- Die Erntegemeinschaft braucht in den ersten Jahren viel Aufklärungsarbeit (Ernte Kurs, Vorbereitungskurs, Rezepte Austausch) immer wieder Videos “wie ernte ich was”.
- Die Erntegemeinschaft muss klar angeleitet werden, z.B. wann ein Kohlrabi erntereif ist.
- Die Erntegemeinschaft hat wenig interesse an Zusatzprogramm wie Sitzungen, Feedback runden ect.
- Für Migrant:innen ist es besonders schwierig, das Gemüse zu verarbeiten, da sie vieles nicht kennen.
- Ernter:innen werden im Garten sehr offen und erzählen viele private Dinge.
Erkenntnisse von Ernter:innen:
- Selber zu ernten ist eine Auszeit wie Yoga machen;
- Ernter:innen essen zu Hause viel bewusster und in Dankbarkeit;
- Kinder beginnen Gemüse zu essen;
- Kinder erzählen anderen Kindern von Ernte-Erlebnissen;
- Ernter:innen beobachten, wie schlecht Salat wächst,wenn es wenig Niederschlag hat, was eine Maus in einem Gartenbeet anrichten kann, wie lange eine Randen ein Beet besetzt, bis er geerntet werden kann, was für Nährstoffe der Boden braucht, damit Gemüse wächst oder wie klein die Fläche ist, die es braucht für die direkte menschliche Ernährung keinen Umweg über eine Kuh oder Futtermais)
- Ernter:innen beginnen im Jahresverlauf zu leben und passen ihre Ernährung demnach an. Sie können plötzlich wieder das gleiche Gemüse über längere Zeit essen.
Woran möchtet ihr während des Boosters arbeiten (z. B. Test-Mainstreaming, Machbarkeitsstudie, Entwicklung eines klimagerechten Geschäftsmodells, Bau eines ersten Prototyps, usw.)? Was erhofft ihr, werdet ihr am Ende des Boosters konkret erreicht haben?
- Wissenschaftlich und transdisziplinär ein Mainstreaming-Modell für Selbsterntegärten in Städten erarbeiten. Folgende wissenschaftliche Fragen können beantwortet werden:
- Welche Informationen brauchen potenzielle neue Partner:innen/Garten-Betreiber:innen? Welches können solche Partner:innen sein (Gemeinden, Firmen, Kirchen, Genossenschaften…)? Wie können diese kontaktiert werden? Wer könnte zuständig sein für ein Projekt Selbsterntegarten in einer Genossenschaft, Firmengelände etc.? Grundlageninformationen zusammentragen und aufbereiten (evt. Mit Website, Flyer, Broschüren), damit diese Selbsterntegärten beworben werden können.
- Kontakte mit möglichen Partnern, die bereit sind, einen Selbsterntegarten umzusetzen, knüpfen;Vorträge und Projektvorstellung bei städtischen Akteuren, um das Konzept bekannt zu machen
- Entwicklung eines selbsttragenden Geschäftsmodells für die Umsetzung des Mainstreaming-Konzeptes.
Was erhofft ihr Euch von dem Booster (z. B. Suche nach bestimmten Partner:innen (wenn ja, wem?), Verknüpfung mit der Verwaltung usw.)?
- vereinfachte Kontaktaufnahme mit möglichen Partner:innen (insb. Stadtverwaltung)
- Coaching für die Erarbeitung eines Geschäftsmodells
Wen braucht ihr als Expert:in, um die Idee weiter voranzutreiben?
- Kantonale und städtische Angestellte (Verantwortlich für öffentliche Flächen, Ernährungsstrategien und Biodiversitätsstrategien)
- Stadtplaner:innen, Quartier-Entwickler:innen
- Quartier-Verantwortliche
- Firmen-Verantwortliche (insb. Aus dem Gesundheitsbereich)
- Wirtschaftliche Expert:innen, um Geschäftsmodell zu entwickeln
Wie viel Budget fordert ihr von uns für was (maximal CHF 22’500 inkl. Expert:innen-Gutscheine)?
Projektdauer 10 Monate
- 6’000 CHF - Projektkoordination und -Erarbeitung (Kontaktaufnahme mit Partner:innen, etc.), 12 Arbeitstage
- 6’000 CHF - Wissenschaftliche Begleitung (Interviews vorbereiten, durchführen und evaluieren; Recherche): 12 Arbeitstage
- 1’000 CHF - Vorträge und Austausch mit interessierten Partner:innen
- 4’000 CHF - Sachkosten Materialien (Flyer, Inforubrik auf Website, etc.)
- 2’000 CHF - Reise- und Sitzungspesen
- 3’500 CHF - Expert:innen - Gutscheine
- Total: 22’500 CHF
In Selbsterntegärten wird Gemüse von einem Gartenbetreiber mit Unterstützung von selbsterntegarten.ch angebaut. Die Abonnent:innen können ihr Gemüse ohne weitere Verpflichtungen ernten. Die bisher erstellten Selbsterntegärten in ländlichen Gebieten haben gezeigt, welche Verhaltensänderungen hin zu einer nachhaltigen Ernährung möglich werden, wenn die Konsument:innen ihr Gemüse selber ernten. Mit dem Projekt sollen die Grundlagen erarbeitet werden, um Selbsterntegärten auch in Städte zu bringen.